Bielefeld | 26.12.2021 | Die Vereisung
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1 | Auf einem Spaziergang mit meiner Mutter viel mir eine kleine Pfütze auf, die vereist vor mir lag in einem sandigen Pfad an den Füßen des Teutoburger Waldes unweit meines Elternhauses. Ich war erstaunt, das auf dem mir gut bekannten sandigen Wegen, auf dem jeder noch so ergiebige Regen unter normalen Umständen sogleich versickern würde, überhaupt eine Pfütze sich hatte bilden können und dann auch noch so lange die Zeit überdauert hatte, dass sie vereisen konnte. Das so entstandene Bild berührte mich auf seltsame Weise.


2 | Erst einige Tage später, wieder zurück in München, lebte das Bild der vereisten Pfütze erneut in mir auf, dieses Mal jedoch verbunden mit dem Gedanken an die Vereisung als ein gesellschaftlicher Zustand. Damit war nicht das einschlägige Bild der vereisten, mitleidlosen Herzen gemeint, die üblicherweise zu Weihnachten kurz auftauen und die Spendenmaschine auf Hochturen bringen. Auch hatte ich nicht das Einfrieren des gesellschaftlichen Lebens infolge der Corona-Pandemie-Maßnahmen im Sinn, wie Abstandsgebote, Versammlungsverbote, die Schließung von Theatern, Museen oder Clubs. Nein, es fiel mir schlagartig ein Gedanke zu, den ich vielleicht als die Vereisung unserer Denkweise zusammenfassen kann. Es ist ein alternatives Bild zur Blase, den Internet-Blasen, Verschwörungs-Blasen etc., mit dem ich mich in der letzten Zeit beschäftigt hatte. Mit dem Bild der Vereisung öffnete sich mir die Frage nach den Gründen für die Blasenbildung neu. Meine bisherige Vermutung dazu war, dass sie eine Art Selbstschutz ist gegen eine schmerzhaft unübersichtliche, überregulierte, uns überfordernden Welt. Die Vereisung spricht einen anderen möglichen Grund für die gegenwärtige Spaltung der Gesellschaft an: Ein Verlust an gedanklicher Beweglichkeit. Normalerweise verfügen Menschen über die Möglichkeit, andere Sichtweisen in ihrem Denken zuzulassen, welche eine Art Qualitätskontrolle für ihre Gedanken ermöglichen: Die Perspektive aus dem gelernten Wissen, welches inhaltliche Widersprüche aufzudecken hilft. Die Perspektive der eigenen professionellen Qualifikation, welche die Möglichkeiten aber eben auch die Grenzen der eigenen gedanklichen Fähigkeiten kennt und andere Qualifikationen ebenso in ihren Grenzen aber eben auch in ihrer Kompetenz anerkennen kann. Die Perspektive der persönlichen gesellschaftlichen Verantwortung, welche die Folgen der eigenen Handlungen über die eigene Person hinaus bis auf größere gesellschaftliche Zusammenhänge mitzudenken vermag. Die Perspektive der Verantwortung für die eigenen Kinder, die Vorbildfunktion für sie und andere leicht beeinflussbare Menschen. Im Normalfall, wenn wir nicht gerade emotional stark involviert sind, dann waren wir bislang - wenn auch oft mühsam - in der Lage, die eigene Perspektiven wenigstens soweit zu verlassen, dass wir unsere Meinungen, Äußerungen, Handlungen als eine Möglichkeit von mehreren sehen konnten. Wir hatten nicht nur einfach ein Gespür dafür, wenn wir uns argumentativ verrannt hatten, wenn wir uns gedanklich besser neu sortieren sollten, sondern wir konnten das auch zulassen und aushalten. Wir waren souverän genug, jemandes Expertise zu vertrauen, die weit von unserer eigenen entfernt lag, oder aus Gemeinsinn darauf zu verzichten, Recht behalten zu wollen, wenn die Gründe anfingen, fad zu werden. Das Bild jedoch, dass immer mehr Menschen und bei Weitem nicht nur die so genannten Querdenker abgeben, zeugt jedoch von einem erschreckenden Unvermögen, mal auf Abstand zu uns selbst zu gehen, gedanklich auch nur probeweise die Seite zu wechseln. Statt dessen wollen wir ganz bei uns sein, stempeln wir andere Perspektiven einfach als Produkte der Lügenpresse ab. Wir beharren auf ein ich weiß, was ich weiß oder das fühlt sich nicht richtig an, nur dass wir dabei stehen bleiben, statt nun erst recht sich zu informieren, gründlich nachzudenken und unsere Gründe zu prüfen. Nun aber stellt sich mir zur Blasenbildung, zum Unvermögen, Gedanken und Argumente offen auszutauschen die Frage, was ist Ursache und was Wirkung: Führt der Wunsch sich zu schützen zur gedanklichen und haltungsmäßigen Vereisung oder ist der Verlust unserer gedanklichen Beweglichkeit, der Fähigkeit, verschiedene Perspektiven einzunehmen eine Art gesellschaftliches Dekadenzphänomen, das seinerseits zur Überforderung führt und damit die Blasenbildung fördert? Oder sind es parallele Entwicklungen, die sich gegenseitig verstärken?


3 | Es musste also zunächst ungeheure Mengen geregnet haben, mehr als der Sandboden aufnehmen konnte, bevor sich in kürzester Zeit ein eisiger Frost über das Land gelegt hatte. Das so entstandene Bild, das Farbspiel von weißen und blaugrauen Eisformationen auf dem trockenen Sand, eingebettet von den braun verdorrten Blättern und Ästlein erinnerte mich damals im ersten Augenschein an einen Planeten, irgendwo da draußen in den dunklen Weiten des Alls, dessen Leben durch ein kosmisches Unglück in nicht für möglich gehaltener Geschwindigkeit für immer eingeforen worden ist.


© Hans Georg Peters | texsicht.de | 23.01.2022 |